7.Mai 2011: Teaser für Podiumsdiskussion

Sechs Jahrzehnte DGB – Klassenkampf oder Kooperation?

Der Deutsche Gewerkschaftsbund ist im Jahr 2011 längst eine anerkannte gesellschaftliche Größe, der gegenüber es staatliche Stellen und Unternehmerseite selten an nötigem Respekt mangeln lassen. Weit über sechs Millionen Lohnabhängige kann er zu seinen Mitgliedern zählen. Genügend starke Arme, die so einiges zum Stillstand oder auch in Bewegung bringen könnten.

Doch im 61. Jahr der Gründung des DGB, stehen die Lohnabhängigen überraschend schlecht da – während demgegenüber die Wirtschaft die Weltfinanzkrise erfolgreich überstanden hat. Dieser Umstand ist nur auf den ersten Blick widersprüchlich. Große Bemühungen um zu verschleiern, dass der nationale Aufschwung nicht unbedingt mit volleren Löhntüten und verminderten Anstrengungen, sondern eher mit dem berühmt-berüchtigten „Gürtel enger schnallen“ verbunden ist, werden heutzutage nicht mal mehr für nötig befunden. Hingegen bedankt sich Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Neujahrsrede sogar bei den deutschen Lohnabhängigen für deren erbrachte Krisenopfer – sie weiß offensichtlich genau, was sie an ihnen hat.

Einschnitte beim Lohn bei gleichzeitiger Tendenz zur längeren Arbeit, Entlassungen, die Zunahme von zu Gunsten des Arbeitsgebers komplett „flexibilisierter“ Zeit- und Leiharbeit, der Abbau des Sozialstaats in den Bereichen Arbeitslosen- und Sozialhilfe, sowie Gesundheitswesen und Renten, das alles wurde ohne größere Reibereien geschluckt. In den Betrieben geschah dies häufig mit dem Einverständnis der Gewerkschaften – jede Vereinbarung mit der Unternehmerseite schien wie ein kleiner Sieg gegen deren vollkommene Willkür.

Schaut man heute auf die vergangene Krisenbewältigung in Deutschland zurück, scheint nur eines sicher;
für den durchschnittlichen Lohnabhängigen ist es noch schwieriger geworden, sich und gegebenenfalls seine Familie durchzubringen, dass merkt jeder, der dieses Kunststück Monat für Monat erneut vollbringen muss – oder auch daran scheitert.

Ist es für die Lohnabhängigen also Zeit, sich zu fragen, was sie an ihrer Standesvertretung überhaupt noch haben? Ist der jetzige Kurs der Gewerkschaften der richtige? Ist ein anderer Kurs überhaupt möglich?

An diesen Fragen entlang wollen wir diskutieren. Um einen Einstieg in die Diskussion wird sich der AK Klassenfrage und verschiedene Vertreter von Gewerkschaften und Wissenschaft bemühen.

Es referieren die Industriesoziologin Mag Wompel (LabourNet), Carsten Becker (ver.di-Charite) und Peter Decker (Redaktion GegenStandpunkt).

7.Mai 2011 | 16 Uhr | Statthaus Böcklerpark


5 Antworten auf „7.Mai 2011: Teaser für Podiumsdiskussion“


  1. 1 Heinchrich 13. April 2011 um 12:20 Uhr

    Hallo, das klingt nach einer interessanten Veranstaltung.
    Könntet ihr die VA vielleicht aufnehmen? Es gibt sicher einige Leute, die die VA gut finden, aber nicht nach Berlin kommen können.

  2. 2 Administrator 13. April 2011 um 16:32 Uhr

    Ja, es ist geplant die Veranstaltung aufzuzeichnen.

  3. 3 Kapuzino 15. Mai 2011 um 22:52 Uhr

    Meine Eindrücke von der Veranstaltung:
    Zunächst war ich ein wenig enttäuscht. Aus irgend einem Grund, wahrscheinlich wegen des Themas, hatte ich mir vorgestellt, die Referenten gäben zunächst ein wenig Input zu dem, was DGB und andere Gewerkschaften in der Geschichte für Entwicklungen genommen haben und bauen auf dem Befund ihre Analysen, Prognosen und Empfehlungen auf, oder bebildern sie wenigstens damit. Dem Leitthema „Kooperation oder Klassenkampf“ hätte ich mindestens entnommen, dass ja Klassenkampf schon mal war, notgedrungen, aber eben war und darin doch ein Anlass steckt, zu begründen, warum jetzt oder hier keiner mehr ist, sondern Kooperation.
    Zu besprechen, dachte ich, wären die Dinge ausgehend von der bekannten Einschätzung, dass Arbeiter-Interessenmanagement unter den Bedingungen einer privilegierten Lage anders optimiert werden muss als im Elend, 2011 anders als 1850, in der BRD anders als in Brasilien, bei Siemens anders als bei ALDI.
    Die systematischen Gründe zu erörtern, welche Position, Gewerkschaften tendenziell unter je diesen oder anderen Bedingungen erwartungsgemäß einnehmen werden, zu welchen Mitteln sie jeweils tendieren, hätte ich für den Einstieg erwartet und danach in etwa die Einschätzung, dass Klassenkampf und Kooperation offenbar zwei Mittel für den selben Zweck sind.

    Peter Decker hat dazu einige Betrachtung geliefert, zwar ohne Bezug zu einem Befund, aber wie immer präzise, schlüssig und brillant. Das sollte ein alter Hut sein, sehe ich aber als nützlich, um ein gedankliches Fundament zu legen. Und gar so selbstverständlich sind auf der bunten linken Wiese solche Einschätzungen ja auch nicht.

    Viel mehr gibt das so aber nicht her, wenn man darüber, wie am Samstag nicht hinaus kommt. Die Veranstaltung hatte dadurch etwas dozierendes, belehrendes. Ein bisschen Suche, ein wenig gewagte These, ein wenig Praxisspinnerei, ein was-wäre-wenn-Disput, hätten der Theorie die lebendige Dimension gegeben. Die GSP-Argumentationsstrategie endete so auch diesesmal in dem Beharren darauf, dass es gar keinen Sinn hat, weiteres zu erörtern, bevor die Sache nicht verstanden ist. So richtig der Standpunkt auch ist, so leblos bleibt er, wenn man ihn auf diese Weise einbringt.
    Mag Wompel war in ihren Beiträgen deutlich lebendiger, konnte aber kaum analytisches beitragen. Folgerichtig, schien ihr Aufruf dann eher ein moralischer zu sein: Die Gewerkschaften müssten und sollten. Tja, klar. Sie sollten den Arbeitsfetisch fallen lassen, den Sinn (Zweck) der Arbeit von der Lohnarbeitsform gedanklich trennen, sich mit Arbeitslosen solidarisieren und sich auf das berufen, was die menschlichen Lebensinteressen eigentlich sind. Schließlich sollten sie auch noch Kapitalismus als untauglich dafür einschätzen und sich zumindest ein langfristig transzendierendes Motiv zueigen machen.
    Peter Deckers Antwort darauf musste man sich aus seinen Darlegungen zusammenreimen. In etwa: Die Gewerkschaften wären wohl jetzt kaum der rechte Ort für dieses „Sollen“, für diese Hoffnungen und Projektionen ( und ggf. für Aktivitäten zur Überwindung von Kapitalismus ?). Das wäre in dieser expliziteren Form provokanter gewesen und hätte die Frage nach sich gezogen: Ja, und was dann ?
    Mag Wompel hatte dazu leider auch nichts zu bieten, außer dem Appell zu mehr Widerständigkeit, zum Überwinden der eigenen, oft unbegründeten Ängstlichkeit und zum Ablegen von vorauseilendem Gehorsam bei der notgedrungenen Unterwerfung unter den Lohnarbeitszwang.
    Ja, natürlich gehören Bluff und Drohung der Kapitalseite zum Geschäft und der Untertanengeist kommt dem eifrig entgegen. Doch funktioniert dieses Wechselspiel ja gerade deswegen, weil es eben keineswegs immer Bluff ist, sondern sowohl für den Einzelnen, den Betrieb ja sogar den nationalen Standort tatsächlich mit erheblichen Risiken verbunden ist, sich den Spielregeln nicht zu unterwerfen. Peter Decker hat das auch unterstrichen, doch wäre dann nicht der nächste Gedanke, daran zu erinnern, dass eben auch diese Erfahrungen die Arbeiter zu einigem praktischen Tun getrieben hatte, zu Solidarität zum Beispiel ? Arbeiter haben versucht etwas auf die Beine zu stellen, gegen diese „Angst“ sich für seine Interessen offen einzusetzen. Sie haben für Betroffene und Bedrohte Hilfe organisiert, juristisch, finanziell und mit tätlicher Gegenwehr. Sie haben versucht, durch Flächentarife die Abhängigkeit vom je eigenen Kapital zu mindern. Sie hatten auch mal knüppelbewaffnet Gegenangst aufgestellt, um z.B. Streikbrechern das Überwinden des inneren Schweinehundes zu erleichtern. Ob man dieses oder jenes bevorzugt oder verabscheut steht aber solange nicht zur Debatte, wie statt der organisatorischen Tat oder des Plans dazu, nur dem bloßen Appell die besten Wünsche mitgegeben werden. Selbst der Appell, wenn er denn hypothetische Wirkung verheißen soll, müsste organisiert sein und Millionen (Massen) erreichen. Vor 100 Linken vorzutragen wären dann Konzepte, den Appell zu vervielfachen und wirksam zu machen aber nicht dessen (für Linke) banaler Inhalt.
    Ein wenig schienen mir Mag Wompels Entwürfe von einer ähnlichen Naivität getragen, wie ich sie von der Partei-„Linken“ und autonomen Linken kenne. Das Instrument (Partei rsp. Gewerkschaft rsp. Aktionsplattform) in Händen zu halten, verleitet dazu, mit diesem und nur mit diesem alles bewegen zu wollen und sich daran zu klammern.
    Peter Decker musste eigentlich noch zu viel Mühe aufwenden, um fundamentale Dinge zu klären. Er begründete, warum Gewerkschaften selbst innerhalb des Kapitalismus „alles falsch machen“ und verwies darauf, den „vertrackten“ Charakter der Lohnarbeit zu erkennen und folgerichtig den Standpunkt der Gewerkschaften als ebenso vertrackt zu begreifen, wonach sich ein Wehklagen über deren reales Tun erübrigt.
    Hätte nicht Mag dem Peter einfach recht geben können und sagen: „Ja, das ist vertrackt, das muss man so erstmal verstehen, das ist korrekt analysiert, aber es ist dennoch nicht „notwendig“. Lasst uns vielleicht darüber nachdenken, wie wir dieses richtige Urteil in die Gewerkschaft hineinbekommen, denn wer sonst soll den Arbeitern das verklickern, oder wenn als tauglich befunden, den Streik ausrufen ? Oder hältst Du das für vergebene Mühe, Peter ? Dann lass uns nachdenken, wer die Massenagitation dann organisieren soll, wer ggf. zum Streik bläst. Mit Megafon auf dem Alex geht es jedenfalls nicht und mit Mikrofon im Statthaus Böcklerpark wohl auch nicht.“ Naja, das war ja eigentlich nicht Thema – nur so’n Traum von mir.

  1. 1 contradictio.de » Veranstaltungen » 07.05.11 | Berlin | Podiumsdiskussion: Sechs Jahrzehnte DGB – Klassenkampf oder Kooperation? Pingback am 13. April 2011 um 9:20 Uhr
  2. 2 »Sechs Jahrzehnte DGB – Klassenkampf oder Kooperation?« Diskussionsveranstaltung am 07.05 (Berlin). « Reiten, lesen, Freund_innen treffen Pingback am 23. April 2011 um 21:14 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.